Sabinchen


Sabinchen lebte schon eine Weile auf dem niedersächsischen Hof nahe Göttingen. Der Bauer hatte sie mitgebracht, als sie noch ein Welpe war. Seither bewachte sie den Hof. Tag und Nacht erfüllte sie voller Eifer und Pflichtbewusstsein ihre Aufgabe. Niemand kam unbemerkt an Sabinchens wacher Aufmerksamkeit vorbei. Sie meldete jeden Besucher. Der Bauer hatte sich für diese große Zuverlässigkeit erkenntlich gezeigt und ihr eine wetterfeste Hütte gebaut. Seine Frau brachte ihr regelmäßig das Futter. Einmal am Tag löste sie auch die Kette von ihrem Halsband. Dann durfte Sabinchen ein oder zwei Stunden auf dem Hof herumlaufen. Manchmal sprang sie dann auf die kleine Mauer, die den Hof umgab und ihn vom Dorfplatz abgrenzte. Sie beobachtete dann die anderen Hunde, die gemeinsam mit ihren Menschen über die Straße liefen. Sie sah, wie sie gemeinsam spielten und wie sie von ihren Menschen gestreichelt wurden. Das alles kannte Sabinchen nicht. Gespielt hatte nie jemand mit ihr. Liebe und gut gemeinte Worte hatte bisher niemand für sie aufgebracht. Trotzdem empfand Sabinchen für die Bäuerin durchaus Zuneigung. Sie freute sich immer sehr, wenn sie aus dem Haus kam. Und im Grunde ihres Herzens hoffte sie jedes Mal, dass sie von ihr ein einziges Mal beachtet worden wäre. Schon ein kurzer Moment hätte eine Bedeutung für die junge Hündin gehabt. Aber die Bäuerin hatte nie daran gedacht.
Das Leben im Dorf bot Sabinchen ihre tägliche Abwechslung. Auch wenn sie es nur aus der Ferne von der kleinen Mauer aus beobachten durfte. Einmal war sie über die Einfriedung hinweg gesprungen. Sie hatte versucht, sich den spielenden Hunden auf der Dorfwiese zu nähern. Aber die Menschen haben sie laut schimpfend verscheucht. Sabinchen verstand nicht, warum sie das taten. Sie wollte nur Freunde finden, denn das Alleinsein tat weh und sie fühlte sich mit jedem Tag auf dem Hof einsamer.
Manchmal in der Nacht, wenn der kalte Ostwind durch ihre Hütte zog, träumte sie davon, sich aufwärmen zu können. Ein einziges Mal war sie ins Wohnhaus gelaufen, weil ihre Hütte sie nicht gegen den eisigen Frost schützen konnte. Sie wusste, dass sie nicht ins Haus durfte. Es war der Schmerz, der sie hineintrieb. Sie hatte sich in der Diele vor den Kaminofen gelegt. Eine Weile hatte sie niemand bemerkt. Sie war so durchgefroren, dass selbst das knisternde Kaminfeuer es nicht schaffte, sie aufwärmen. Sie bebte und zitterte weiter vor Kälte. Dann aber hatte der Bauer Sabinchen vor dem Ofen entdeckt. Sofort jagte er sie hinaus. Er schrie und schimpfte hinter ihr her. Sie konnte ihre schmerzenden Glieder nicht schnell genug hinausbewegen, sodass sie noch den wütenden Tritt ihres Herrn an ihrem Hinterlauf spürte.
Der Bauer war sehr aufgebracht über Sabinchens Ungehorsam. Er hatte die Kette sofort wieder an ihrem Halsband befestigt und ihr durch einen kräftigen, schmerzhaften Ruck gezeigt, wo sie hingehört.
Seither beachtete der Bauer sie kaum noch. Auch die Bäuerin kam nur noch selten aus dem Haus, um ihren leeren Topf zu füllen. Von der Kette befreite man sie fast nie mehr. Sabinchen verbrachte ihre Zeit damit, zu warten und zu dösen. Manchmal, wenn sie träumte, dann sauste sie voller Freude über die angrenzenden Felder. Sie rannte dann so schnell, wie ihre Beine sie tragen konnten. Das war ein gutes Gefühl, nach der langen Zeit, in der sie ihre Bewegungsfreiheit auf den kleinen Lebensraum beschränken musste, den ihr die Kette gestattete.

Als Sabinchen zwei Jahre alt war, brachte man sie fort. Eine fremde Frau löste eines Nachts die Kette und befestigte einen Strick an ihrem Halsband. Sie zog Sabinchen zu ihrem Auto und öffnete die hintere Tür. Sabinchen zitterte und knurrte vor Angst. Ihre Augen hatte sie weit geöffnet. Im Wagen saß eine weitere Hündin in einem Käfig. Um ihren Hals herum hatte sie viele kahle und blutige Stellen. Die Frau nannte die Hündin Talula. „Ich werdet es jetzt besser haben!“, hatte sie gesagt. Aber weder Sabinchen noch Talula glaubten ihr das. Die Menschen hatten ihre jungen Seelen längst zerstört.
Diese Geschichte ereignete sich im Jahr 2009. Sabinchen und Talula waren damals beide circa 2 Jahre alt. Die Frau, die beide Hunde eines Nachts von ihren Ketten befreit und in ein Tierheim gebracht hatte, ist bis heute unbekannt.
Schließlich erfuhr Susanne Häger von den beiden Hündinnen, die sich gänzlich von den Menschen abgewandt hatten, und holte sie auf den Franziskushof. Dort haben Sabinchen und Talula wieder Vertrauen gefasst. Dennoch sind sie verhalten und vorsichtig geblieben. Sie werden niemals Hunde sein, die freudig auf jeden Fremden zulaufen. Aber in einem Zuhause, in dem die Menschen nicht zu viel von ihnen erwarten und Geduld und Verständnis für sie aufbringen, könnten beide noch einmal ein ganz neues Leben beginnen.

Sabinchen und Talula warten seit nunmehr 7 Jahren in Kalletal im Franziskushof auf einen Menschen, der ihnen zeigt, wie sich Liebe und Vertrauen anfühlen.

Am 28.Mai 2016 lernte ich die beiden Hündinnen kennen. Mir war sofort klar, dass ich diese beiden kleinen Leben in mein Projekt Herzenshunde aufnehmen musste.

http://www.franziskushof-tierschutzverein.de

Kontakt zu Susanne Häger (1.Vorsitzende des Franziskushofes): Telefon: +49 (0) 5264 5374





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