Herzenshunde von Almansa


Manuell fristete sein Dasein über ein Jahr lang als Kettenhund im Tierheim von Almansa. Den Regeln der Menschen hilflos ausgeliefert, hielt dieser Hund einem Dasein stand, das nur aus Furcht und Verzweiflung bestand. Sein Lebensraum beschränkte sich auf geschätzte 3 Meter im Radius.


In seinen Augen spiegelte sich die Angst vor dem Ungewissen. Gedemütigt durch die Ungerechtigkeit, die ihm angetan wurde, ertrug er sein Schicksal dennoch voller Würde und Stolz.
Tagelang trug ich die Gedanken an diesen Hund mit mir herum. Irgendetwas hinderte mich daran, sie zu verdrängen. Sein Blick hatte mich im Innersten berührt und ließ mich nicht mehr los.


Nie zuvor in über 30 Jahren Tierschutzarbeit habe ich eine so extreme Resignation unter Tierheimhunden erlebt. Sie alle wirken traurig, teilnahmslos, hoffnungslos. An kurzen Ketten gefesselt oder in kleinen Zwingern gefangen, ergeben sie sich ihrem Schicksal.
Ein Leben, das einem Vegetieren gleicht. Kein Auslauf, keine Fürsorge, kein liebes Wort. Nur ein Abwarten. Ein apathisches „Vor-sich-Hinstarren“ an einem unbarmherzigen Ort.


Die meisten der Hunde sind so mager, dass sich ihre Knochen auf ihren ausgemergelten Körpern abmalen. Viele haben offene Verletzungen. Hautkrankheiten sind an der Tagesordnung. Es wimmelt vor Flöhen und Zecken. In den heißen Sommermonaten heizt sich der nackte Betonboden zu glühenden Herdplatten auf. Sonnenschutz gibt es nicht. Die Hunde verbrennen ihre Pfoten und sind der Gefahr ausgesetzt, an Hitzeschlag zu sterben, ohne jegliche Chance, der flirrenden Hitze entkommen zu können.


Das also war Manuells Welt. Sein Leben bedeutete Hunger, Einsamkeit, bittere Kälte, unerträgliche Hitze und soziale Isolation. Und doch wirkte dieser Hund auf mich erhaben und stolz und trotz aller Schmach beinahe hoheitsvoll und elegant. Schon bald musste ich mir eingestehen, dass er sich seinen Platz in meinem Herzen erobert hatte. Und so blieb mir keine Wahl: ich machte mich auf einen Weg, der voller Hürden und Hindernisse war, um meinen Herzenshund aus Almansa aus dieser perspektivlosen Lebenssituation zu befreien.


Ich kämpfte für ihn und versuchte alles, um Unterstützung für mein schier auswegloses Vorhaben zu erhalten. Viele Tage und Nächte später war es dann geschafft. Manuell durfte sein trostloses Dasein hinter sich lassen. Ich hatte endlich einen Weg gefunden. Ich empfand seine Rettung als unglaubliches, persönliches Glück. Ich hatte erreicht, was ich erreichen wollte. Ich hatte seinem Leben, trotz aller Widrigkeiten, eine ganz neue Perspektive gegeben.


Trotz seiner Rettung aber ließen mich die traurigen Bilder aus seiner Vergangenheit nicht mehr los. Sie begleiteten mich Tag und Nacht. So, als ob sie mich erinnern und ermahnen wollten, weiterzumachen und mehr zu tun.


Eines Abends saß ich an meinem Schreibtisch und sah mir noch einmal die Fotos der Hunde an, an deren Seite Manuell im Tierheim in Almansa über ein Jahr lang gelebt hatte. „Sie haben nicht einmal einen Namen“, dachte ich für mich. „Ihre Fotos sind nicht auf den Internetseiten deutscher Vermittlungsportale zu finden. Angekettet oder eingesperrt auf engstem Raum, fristen sie ihr Dasein in einem Tierheim irgendwo in Südspanien, das niemand kennt.“Mir wurde klar, dass auch sie alle keine Hoffnung auf ein würdevolles Leben haben.


Während ich dasaß und meinen Gedanken nachhing, fiel mir ganz plötzlich ein Satz ein, den ich in einem meiner Bücher geschrieben hatte: „…und hätten sie aus Einsamkeit weinen können, so wären wohl Tränen an ihren Wangen wie Rinnsale geflossen.“


Es war wohl genau jener Augenblick, in dem mir etwas bewusst wurde: Manuell hatte eine Mission. Er hatte genau wie Suri Anica eine Botschaft mitgebracht: Ich konnte das traurige Schicksal dieser spanischen Kettenhunde nicht mehr ausblenden. Ich war nicht mehr in der Lage so zu tun, als gäbe es sie nicht, die unzähligen Leben, die ihr trauriges Dasein an kurzen Ketten fristen müssen, und auf nacktem Beton jeder Witterung schutzlos ausgeliefert sind.


Die Entscheidung, die ich jetzt traf, war plötzlich so klar in meinen Gedanken, dass ich mich fragte, warum ich so lange nicht darauf gekommen war. Ich wollte all den Hunden, die genau wie Manuell keine Perspektive auf ein wirkliches Leben haben, helfen. Helfen, ein neues und unbeschwertes Leben in einer liebevollen Umgebung zu finden. Ein Leben, das sie ihre elende Vergangenheit vergessen lässt.


Fünf Monate später: Nach einem unermüdlichen Einsatz konnten wir unsere ersten Erfolge verbuchen: Leere Ketten waren das Zeugnis dafür, dass wir aus einem Ort der der Einsamkeit einen Ort der Hoffnung gemacht hatten. Es war gelungen mehr als die Hälfte aller Hunde im Tierheim von Almansa kastrieren und viele kranke und verletzte Hunde vor Ort operieren zu lassen.


Mehr als 40 „Herzenshunden aus Almansa“ haben wir innerhalb eines halben Jahres das Leben zurückgegeben, um das sie betrogen worden waren. Wir haben sie aus ihrem eintönigen und trostlosen Dasein befreien und ihnen den Weg in ein neues Leben in Liebe, Sicherheit und Geborgenheit ebnen können.