Leseprobe

I M   A U F T R A G   D E S   H I M M E L S 


(...) Der Weg über das freie Feld war mühsam. Schneeverwehungen hatten sich überall auf dem Feld meterhoch wie Bergketten aneinandergereiht, und der heftige Sturm drückte mit seiner ganzen Kraft gegen ihre Körper.

Schweigend stapften sie hintereinander her.

Hannes hing müde und erschöpft seinen Gedanken nach. Es war viel Zeit vergangen, seitdem er Lea gesagt hatte, dass er nicht mehr in einer Warteschleife leben möchte. Er hatte ihr erklärt, dass er nicht mehr warten wolle, auf morgen, aufs Wochenende, auf den Urlaub. Dass er das gemeinsame Leben nicht mehr auf wenige Wochen im Jahr beschränken möchte. Er hatte ihr gesagt, dass er sein Leben nicht länger verwarten möchte, dass er nach all den Jahren endlich zusammen mit ihr im Heute leben wolle, im Hier und im Jetzt.
Traurig ließ er den Blick zum Himmel wandern und betrachtete den zunehmenden Mond, dessen Licht im Schnee glitzernd reflektierte und der Nacht einen geheimnisvollen Schimmer gab. Und er wünschte sich, selbst hier draußen in dieser eisigen Nacht, in dieser verfahrenen Situation, nichts sehnlicher, als sie wieder zu sehen.

Jochens anfängliches Tempo hatte nachgelassen. Er lief mittlerweile ein paar Schritte hinter Hannes. „Vielleicht sollte ich sie anrufen“, dachte er für sich, weil er Hannes’ gesenkten Blick sehr wohl zu deuten wusste, und ihm der Kummer seines besten Freundes äußerst nah ging. „Vielleicht sollte ich ihr erzählen, wie sehr er leidet, und wie sehr der Schmerz der Trennung ihn verändert hat.“ Jochen überlegte, wie viele Jahre die beiden eigentlich zusammen gewesen waren. Es mussten weit über zehn Jahre sein. „Die müssen beide verrückt sein“, stellte er für sich fest. „Nur weil der eine nicht hier und der andere nicht dort leben kann, lösen sie so eine Lebensliebe in ihre Bestandteile auf. Sie hätten alles so lassen sollen, wie es war.“

Jochen hatte sich tief in seinen Gedanken verloren, als Hannes auf einmal aufgeregt die Stille brach und erschrocken stehen blieb.
„Jochen, halt mal einen Moment inne und schau mal da vorn! Siehst du die alte, alleinstehende Eiche? Ganz rechts, knapp vor der Fichtenschonung? Wir laufen direkt darauf zu.“
Jochen hielt an und suchte den nahen Horizont nach einem alleinstehenden alten Baum ab. „Ja, sehe ich! Was ist mit der…?“ Er brach seine Frage ab, da ihm augenblicklich die Worte im Hals stecken blieben. „Ach, du lieber Himmel, Hannes!“, sagte er erschrocken und rieb sich den vom Sturm herangetragenen, feinen Schnee aus seinen Augen. „Das gibt’s doch nicht!“
Hannes schauderte es vor Kälte. Mit zusammengekniffenen Augen starrte er in die Ferne. „Wie kommt der mitten in der Nacht bei diesem Wetter hierher?“, fragte er nachdenklich. „Hier ist doch weit und breit kein Hof in der Nähe.“
Jochen zog die Schultern hoch. „Findest du nicht, dass er sich eigenartig verhält?“, fragte er und hielt sich die Hände schützend über die Augen. „Er sitzt da wie eine Statue, mitten im Schneesturm.“
Hannes nickte. „Ja, mit dem Hund stimmt irgendwas nicht. Komm, wir gehen zu ihm. Vielleicht ist er verletzt. Möglicherweise steht er unter Schock.“ Entschlossen marschierte er in seine Richtung.

Jochen folgte ihm eher zögerlichen Schrittes. „Hannes!“, rief er ihm hinterher, und seine Stimme kam nur schwer gegen den ohrenbetäubenden Sturm an. „Er könnte Angst vor dir haben. Wer weiß, warum er allein hier draußen ist.“
Hannes nickte und zeigte Jochen mit einer Handbewegung, dass er ihn verstanden hatte.

Ein seltsames Gefühl begleitete Hannes auf dem Weg zur alten Eiche. Er hätte es nicht beschreiben können, aber er konnte es auch nicht leugnen. Je näher er dem Hund kam, desto deutlicher spürte er es, und desto weniger hätte er es in Worte fassen können.

Der Hund beobachtete ihn. Er saß mit aufgestellten Ohren ganz ruhig im Schutz des mächtigen Baumstammes. Er registrierte aufmerksam jede seiner Bewegungen. Aber er zeigte keinerlei Reaktion. Weder in seiner Haltung, noch in seiner Mimik.

Hannes ging langsam auf ihn zu. Wenige Meter vor ihm hockte er sich in den Schnee. (...)