Leseproben

" M Ü L L K I P P E   T I E R A R Z T " 

(...) Ich versuche zu arbeiten. Aber meine Hände liegen untätig vor der Tastatur, und mein Blick haftet gedankenlos auf dem leeren Bildschirm.
Neben mir sitzt Benny, ein schwarzer Mischlingsrüde. Seinen Kopf hat er vorsichtig auf mein Bein gelegt. Er weiß nicht recht, ob er das tun sollte. Ob es richtig ist, Vertrauen zu mir zu haben.
Benny ist zehn Jahre alt. Nach dem Tod seines Herrchens fühlte sich die Witwe durch den Hund in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt. Sie wollte ein unabhängiges Leben, ein Leben ohne Hund. Sie brachte ihn in die Tierarztpraxis und ließ ihn dort zurück.
Vier Wochen sind seitdem vergangen. Und ich kann mich nicht wehren gegen das traurige Gesicht dieses Hundes und rede mir ein, dass er mich fortwährend bittet, doch endlich wieder nach Hause zu dürfen. Dahin, wo er sein Leben lang gelebt hat. Zu den Menschen, die er kennt, in die Umgebung, die ihm vertraut ist.
Tränen der Machtlosigkeit nehmen mir unweigerlich die Sicht auf den Bildschirm. Ich streichele ihm sanft über den Kopf und ich glaube zu hören, dass auch er weint, nur ganz leise, kaum vernehmbar, beinahe so, als wolle er nicht, dass ich es bemerke. (...)


" I M   M Ü H L R A D   D E S   P R O F I T S " 

(...) Es ist Punkt 16 Uhr, als Jens und die Fahrerin des grünen Kombis mit dem Jeep der Forstverwaltung vor dem unbewohnten Haus des Hundehändlers ankommen.
Azaleen und Rhododendren blühen im unkrautfreien Vorgarten. Töpfe mit Hornveilchen stehen rechts und links neben einer strahlend weißen Haustür. Und hinter den sauber geputzten Fenstern sorgen akkurat in Falten gehängte Gardinen für ein ordentliches, in die Umgebung passendes Bild.
„Wem glaubt er denn damit etwas vorgaukeln zu können?“, fragt sie und spürt zugleich, dass ihre Stimme auffällig zittert.
„Wir dürfen auf keinen Fall nervös wirken!“, bemerkt Jens, der sie in wenigen Minuten als seine Frau vorstellen wird, eindringlich, und wischt sich selbst die Schweißperlen von der Stirn.
Sie nimmt ihre Sonnenbrille ab und steckt sie nachdenklich in ihre Tasche. „Weißt du, Jens, ich verstehe immer noch nicht, warum wir nicht einfach die Polizei und das Veterinäramt einschalten und den Laden hier dicht machen lassen?“ (...)


" F R I E D E N   D E N   F R I E D E N S V Ö G E L N " 

Sie saß am Rande der Straße. Ganz dicht an einen Brückenpfeiler gedrängt. Klein, schmutzig und völlig erschöpft. Ängstlich aufschauend zu den Menschen, die achtlos an ihr vorbei gingen, und nicht mehr als einen flüchtigen Blick für sie übrig hatten.
Sie war noch jung. Sie hätte ihr ganzes Leben noch vor sich haben können. Aber sie hatte keine Kraft mehr. Sie hatte alles gegeben, um den Weg zurück nach Hause zu finden. Vergeblich. Sie hatte die von ihr erwünschte Leistung nicht erbracht.
Nun war sie nichts mehr wert. Eine Brieftaube muss fliegen und siegen. Nicht jämmerlich schlapp machen. Sie muss Wind und Wetter trotzen. Ob mit oder ohne Futter. Sie hatte versagt. Ausschussware. Sie war eine Brieftaube, die den Rückflug zum Heimatschlag nicht geschafft hatte. Die zu schwach geworden war für das Leben, das man ihr aufgezwungen hatte.
Die kleine Taube, die ihren ausgemergelten Körper fest an den Brückenpfeiler drückte, war keine Siegertaube. Ein kleines, ungeliebtes Leben, das lautlos um Hilfe bat. (...)


" I M   S C H A T T E N   D E R   M A N E G E " 

Ihr Weg hatte sie in einen ihnen bis dahin unbekannten Ort geführt. Sie saßen in einem kleinen Straßencafé und warteten. Lion war schon seit einer Woche hier. Er hatte die Vorbereitungen getroffen. Die beiden anderen waren erst vor wenigen Stunden angekommen.
„Wollen Sie nachher auch in die Vorstellung?“, fragte der Wirt, während er die Kaffeetassen auf ihren Tisch stellte. Er zeigte auf ein Plakat, das gegenüber an einer der Straßenlaternen befestigt war. „Um 17 Uhr geht’s los! Zwei Wochen bleiben sie hier. Jeden Tag eine Vorstellung. Bedeutet auch für mich ein gutes Geschäft“, erklärte er begeistert und wandte sich dem Nachbartisch zu.
Lion schaute hinüber auf das Plakat und schüttelte unauffällig den Kopf. „Was denken die Leute eigentlich? Dass ein Tiger freiwillig durch einen brennenden Reifen springt? Seit einer Woche hängen diese Plakate hier überall. Mindestens eins an jeder Straßenlaterne. Hin und wieder gleich zwei übereinander!“
Müde rieb er sich die Augen. In den letzten Nächten hatte er kaum geschlafen. (...)