Leseproben

C Y M E S 

Cymes lebte lange bei einer alten Frau in Polen. Sie hatte ihn – da war er noch sehr jung - im Wald, an einem Baum aufgehängt, gefunden. Die alte Frau hatte Mitleid. Sie wusste, dass man den Hund dort zum Sterben aufgehängt hatte. Sie nahm ihn mit zu sich nach Hause. Dort versteckte sie ihn lange vor ihrem Mann. Denn er war grausam und bestialisch zu Tieren. Sie fütterte Cymes heimlich, wenn ihr Mann es nicht sah. Doch Cymes wuchs heran. Und im Schuppen konnte er auf Dauer nicht bleiben. Als er eines Tages leise winselte und an der Tür kratzte, kam es, wie es kommen musste. Der Mann entdeckte den heranwachsenden Cymes. Wutentbrannt trat und schlug er auf ihn ein. Dann legte er ihn an eine Kette und drohte immer wieder, dass er ihn totprügeln würde. Seiner Frau verbot der Mann, Cymes zu füttern. Er hätte auch sie geschlagen, wenn sie sich nicht daran gehalten hätte. Und so schaffte sie es nur noch selten, Cymes heimlich Brot und Essensreste zu bringen. Oft musste er tagelang hungern.

Eine Tierschützerin bekam schließlich mit, unter welchen Bedingungen Cymes leben musste. Als sie zu ihm ging und ihn streichelte, schmiegte er sich eng an sie. Sie konnte ihn nicht zurücklassen. Seine bittenden Augen hätten sie nie wieder losgelassen.

Und so kam Cymes am 6. März 2010 nach Deutschland. Auf meine Bitte hin wurde er im Tierheim Paderborn aufgenommen. Wegen seiner ruhigen und sanften Art schlossen ihn alle Mitarbeiter sofort ins Herz. Auch die Besucher des Tierheims mochten Cymes auf Anhieb. Bereits nach knapp drei Wochen fand er eine Familie, die ihm für immer ein Zuhause geben wollte.

Jetzt konnte ein neues Leben für Cymes beginnen, ein umsorgtes und beschütztes Leben. Ein Leben, in dem er vergessen sollte, was Angst, Hunger, Kälte und Einsamkeit bedeuten. Aber die Verletzungen seiner Seele saßen tief. Zu lange hatte ihm eine schwere Eisenkette seine Freiheit genommen. Zu lange war er den Schlägen und Fußtritten seines früheren Herrn ausgesetzt gewesen.(...)


D E N N   E S   F Ü H L T   W I E   D U   D E N   S C H M E R Z 

Es war in einer Nacht im Februar, als meine Nachbarin mich mit folgenden Worten aus dem Bett klingelte: „Ein Fuchs liegt draußen auf der Straße! Er liegt einfach da und rührt sich nicht.“
„Ich komme!“, antwortete ich schlaftrunken, und nur wenige Minuten später lief ich mit offenen Schnürsenkeln und lediglich mit Schlafanzug und Jacke bekleidet durch einen heftigen Schneesturm die Straße hinunter.
Und da lag er dann, mitten im Schnee, in der Fahrrille des Autos, dessen Fahrer ihn irgendwann im Laufe des Abends angefahren und schwer verletzt liegen gelassen haben musste. Ein paar Meter hinter ihm standen meine Nachbarin und ihre Tochter, die ihn gefunden hatte, als sie wenige Minuten zuvor vom Dienst nach Hause gekommen war.
Der junge Fuchs war circa neun bis zehn Monate alt. Sein kleiner Brustkorb hob und senkte sich extrem schnell. Sein Kreislauf schien nicht mehr sehr stabil zu sein. Seine Augen waren kaum geöffnet. Gelbbraunes Blut tropfte aus seiner Nase. Ich ahnte, dass ich sein Leben nicht retten konnte. Aber ich sah auch, wie sehr er an seinem Dasein hing. Er versuchte sich immer wieder, mit letzter Kraft aufzurichten. Er zog sich auf die Vorderläufe, wimmerte leise, streckte seinen Hals und stemmte sich hoch. Aber er schaffte es nicht. Er kippte jedes Mal zur Seite und jeder weitere Versuch ließ ihn kraftloser in den tiefen Schnee sinken. Bis er schließlich aufgab und sich seinem Schicksal unterwarf.
Ich war mir ziemlich sicher, dass sein Rückgrat gebrochen sein musste. Die Tochter meiner Nachbarin fragte traurig, ob es sinnvoll wäre, ihm Futter anzubieten. Es könne doch sein, dass der Winter ihm seine Kraft genommen habe. Ich nickte und antwortete ihr, dass das schon möglich sei, ich aber in diesem Fall nicht daran glaube. Konzentriert dachte ich indes darüber nach, was ich nun tun sollte. Vor mir lag ein junger Fuchs, der im Laufe der Nacht vermutlich auch ohne menschliche Hilfe sterben würde. Aber wie lange durfte ich ihm die Qual und den Schmerz, und die Todesangst, die er ausstand, zumuten? Er lag mitten auf der Straße. Wir mussten verhindern, dass das nächste Auto, das um die Ecke bog, ihn noch einmal überrollte. Ich musste handeln, und zwar schnell, eine andere Möglichkeit blieb nicht. (...)


J I M M Y S   W E G   Z U M   R E G E N B O G E N 

(...) Andreas weiß, dass die nächsten Stunden unerträglich für ihn sein werden. Der Stein in seinem Magen wiegt zentnerschwer. Ausgerechnet ihn hatte man hierher geschickt. Ihn, der vor vielen Jahren zu den unabhängigen Tierrechtsaktivisten gehörte und für den keine Mauer zu hoch war, wenn es darum ging, Tiere aus dem Elend zu befreien. Ausgerechnet ihn musste sein Chef hierher delegieren. In ein Labor für Neurophysiologie. Um einen objektiven Bericht über Versuche an Affen zu schreiben. Als Journalist müsse er das können, hatte sein Chef ihm gesagt, nachdem Andreas ihn gebeten hatte, jemand anderen hierher zu schicken. Als Journalist eines wissenschaftlichen Magazins müsse er in der Lage sein, über jedes Thema objektiv berichten zu können.

Andreas wird von Walter Sonare, dem Assistenten des Professors, empfangen. Sonare macht keinen Hehl daraus, zu zeigen, was er von der Idee seines Vorgesetzten hält, einem Journalisten Einblick in seine Arbeit zu gewähren. Er spricht nicht viel, nur das Nötigste, und dass seiner Ansicht nach die Öffentlichkeit hier nichts verloren habe.
„Ich denke, Sie laufen heute einfach hinter mir her!“, sagt er kurz angebunden. „Und wenn Sie etwas wissen wollen, dann fragen Sie einfach! Ansonsten halten Sie sich bitte im Hintergrund. Meine Arbeit erfordert hohe Konzentration.“
Andreas nickt und zieht den weißen Kittel über, den Sonares Sekretärin ihm reicht. Seine Tasche muss er im Büro lassen. Nur einen weißen Ringblock und einen Stift darf er mitnehmen. Für den Fall, dass einige Anmerkungen für seinen Artikel erforderlich sind. Fotos zu machen, wird ihm strengstens untersagt. Aber seine Kamera ist klein, und niemandem fällt auf, dass er sie am Handgelenk trägt.
Andreas folgt Sonare. Der Weg führt sie durch einen kargen Gang ins Gehege. „Sie werden verstehen“, sagt Sonare, ohne Andreas dabei eines Blickes zu würdigen, „dass meine Arbeit trotz Ihrer Anwesenheit weitergehen muss. Für ein Kaffeekränzchen habe ich keine Zeit.“
Andreas antwortet darauf nicht. Der Mann ist ihm unsympathisch, und seine Äußerungen verstärken diesen Eindruck. Er ist nicht freiwillig hier, und bei dem Gedanken, mit diesem Menschen in dieser Umgebung ein Kaffeekränzchen zu halten, wird ihm übel.
Die Luft ist stickig. Andreas schwitzt. An der Tür zum Gehege gibt Sonare einen Zahlencode ein. Ein heller lang gezogener Ton zerreißt die Stille, und die schwere Metalltür öffnet sich. Der Anblick nimmt Andreas umgehend die Luft zum Atmen. (...)


I M   N E T Z W E R K   D E R   J Ä G E R 

Am Waldrand - irgendwo in Hessen - fand eine Frau einen Fuchswelpen. Regungslos lag er im hohen Gras, sein Schädel zertrümmert, seine Hinterläufe gebrochen. Als die Frau ihn leise ansprach, öffnete er seine Augen und schnappte mühsam nach Luft. Eilig zog sie ihre Jacke aus und legte das Fuchskind vorsichtig hinein.
Auf dem Rückweg zum Auto brüllte ein Jäger hinter ihr her. „Was machen Sie hier? Haben Sie die Absperrung nicht gesehen?“ Sie drehte sich nicht um. Sie wusste, dass sie sich des Wilddiebstahls strafbar machte. Sie kannte das Gesetz. Aber das war ihr egal. In ihrem Arm hielt sie ein kleines Leben. Eines, das gerade erst angefangen hatte, zu leben. Und das man mutwillig zum Krüppel geschlagen hatte.
Sie saß schon im Auto, als in unmittelbarer Nähe Schüsse fielen. Eine Füchsin schleppte sich mit zerfetztem Hinterlauf über die schmale Feldstraße. Die Frau sah hilflos hinter ihr her. Tränen rannen an ihrer Wange hinunter, und während ihr Weg sie erneut mitten durch die Absperrung führte, schoss ein Jäger warnend in die Luft. Im Rückspiegel konnte sie sehen, dass er wütend hinter ihrem Wagen gestikulierte. Sie ließ sich nicht ablenken. Sie musste diese Richtung einschlagen. So sparte sie wertvolle Zeit. Ein Tierarzt, den sie gut kannte, und den sie telefonisch informiert hatte, wartete bereits auf seinen Patienten. (...)


D E R   A L T E   M A N N   U N D   D E R   H U N D 

Seitdem er pensioniert war, ging er jeden Tag denselben Weg. Er lief die Treppen zum öffentlichen Park hinunter, umrundete den Teich und tauchte dann in die Ruhe des dicht eingewachsenen Schlossparks ein. Hier, auf den mit hohen Buchsbaumhecken gesäumten Wegen, konnte er allein sein und musste sich über nichts und niemanden ärgern.
Gottlob war den Hundebesitzern der Zutritt zum Schlosspark verboten. Er mochte keine Hunde. Er regte sich jeden Tag über die vielen Hunde auf, die in den öffentlichen Parks die Wiesen bevölkerten. Er konnte es nicht ertragen, dass sie überall Löcher gruben, Passanten ankläfften und die Wege mit ihrem Kot verschmutzten. Er hatte schon unzählige Beschwerdebriefe an den Bürgermeister geschrieben. Die Antwortschreiben waren immer vorgefertigt, und er hatte sie alle wütend zerrissen.
In den öffentlichen Parks war er als „der Hundehasser“ bekannt. Gegrüßt wurde er von niemandem mehr. Wegen seiner Verdrießlichkeit nicht einmal mehr von den „Nicht-Hunde-Besitzern“. Umso erstaunlicher war es, dass sich ein kleiner schwarzer Hund auf ganz merkwürdige Weise zu ihm hingezogen fühlte. (...)


P E T E R   U N D   P A U L 

Peter und Paul waren glückliche Hunde. Sie hatten zwei Menschen, Oliver und Katharina, die sie über alles liebten, und sie hatten sich. Sie wohnten in einer wunderschönen Reetdachkate nahe der Ostsee, und sie hatten eine richtige Aufgabe zu erfüllen. Gemeinsam bewachten sie seit über zwei Jahren Haus und Garten und passten auf Katharina auf, wenn Oliver auf Tour ging. Oliver war Fernfahrer, und Katharina war oft allein in dem großen leeren Haus, das weit außerhalb des Dorfes lag. Eines Tages war Oliver von einer Fahrt nach Hause gekommen und trug zwei kleine Bündel unter seinem Arm. „Sieh mal!“, hatte er gesagt, als Katharina ihn vom Tor abholte, „ab heute wirst du nicht mehr allein sein!“
Oliver hatte die beiden Welpen auf einem Rastplatz in Bayern gefunden. Damals waren sie erst knapp acht Wochen alt. Jemand hatte sie in einem Karton dort abgestellt. „Sie waren vom Regen durchnässt, und sie zitterten um die Wette“, hatte Oliver später Katharina erzählt. Und gemeinsam hatten sie dann viele Wochen lang überlegt, welche Rassen sich in Peter und Paul wohl wiederfinden würden. Peters Fell war weich und feinhaarig, und es war schwarz. Katharina hatte allerdings immer gesagt, es sei lackschwarz. Weil es so glänzte, und es in der Sonne anmutete wie ein edles Seidentuch. Paul hingegen war schwarz-weiß, und sein Fell fühlte sich derber an. Er war auch etwas stämmiger als sein Bruder und genau genommen auch etwas mutiger. Anfangs hatten Oliver und Katharina geglaubt, die beiden seien reinrassige Border Collies. Aber als sie dann ihren ersten Geburtstag feierten, hatte Peter bereits die Größe eines Deutschen Schäferhundes bei weitem überschritten, und Paul stand ihm kaum nach. „Aber ein Elternteil“, hatte Oliver trotzdem weiterhin stolz behauptet, „war garantiert ein Border Collie“. Und dann erzählte er immer mit leuchtenden Augen von Peters und Pauls herausragender Intelligenz, und dass sie in der Hundeschule immer die Ersten seien, und sie jede neue Aufgabe stets sofort begriffen. Und Katharina unterstützte Oliver immer eifrig und erzählte, wie Peter und Paul sie sogar einmal aus einem ihnen völlig fremden Wald zurück zu ihrem Auto geführt haben, als sie sich verlaufen hatte. „Es sind einfach wunderbare Hunde!“, waren sich beide jederzeit einig, und Oliver war froh, Katharina in den langen Wochen seiner Abwesenheit so glücklich zu wissen.“
So hätte alles weitergehen können, aber (...)